Plädoyer für mehr Langeweile

Plädoyer für mehr Langeweile

»One life live it« sieht man an vielen Defendern kleben und das ist irgendwie auch mein Motto gewesen. Gewesen?

Meist habe ich das Bedürfnis, maximal viel aus meinem Leben zu machen, jeden Moment auszukosten als ob es kein Morgen gebe. Oft rase ich durch meinen Alltag, erledige hier was, lerne da was versuche, meine Zeit zu nutzen und mich weiter zu entwickeln. Und wenn ich schon entspanne, dann möglichst aktiv und effizient. Schließlich ist Zeit ein kostbares Gut und das Wochenende kurz.

Nun zwingt mich ein Unfall gerade zu etwas mehr Ruhe und ich bin sehr ins Nachdenken gekommen: Was liebe ich am Reisen? Das man jeden Tag Neues entdeckt, Abenteuer erlebt, andere Seiten von sich kennenlernt und sich lebendig fühlt? Ja, all das. Aber auch, dass man sich treiben lässt, sich Zeit nimmt für Alltägliches. Beim Campen braucht einfach alles ein bisschen länger, zumindest wenn man nicht besser ausgerüstet ist als der Haushalt daheim. Bislang kochen wir auf einer kleinen Gasbuddel mit wenig Wumms. Da geht nicht viel rein und es braucht eine ganze Weile. Trotzdem macht es mir viel Freude, zu warten bis das Essen fertig ist. Den halben Tag räumt man hin und her, kruschelt rum. Oder wäscht zwei T-Shirts mit der Hand aus. Und ansonsten sitze ich auch gerne mal rum. Einfach so. Gucke in die Luft und lasse, wie meine Großmutter das genannt hat, die Seele baumeln.

Doch warum vergesse ich das im Alltag so schnell? Auf Bayern 3 war diese Woche eine Reportage zum Thema »Warten«, die ich aufmerksam verfolgt habe, da mich zwei Stunden im Wartezimmer beim Arzt fast an den Rand des Wahnsinns gebracht haben. Und das obwohl ich hochmotiviert war, mich nicht stressen zu lassen. Eigentlich hatte ich ja nichts Besseres zu tun. Eigentlich. Jedenfalls meinte ein Fachmann (für was hab ich vergessen) in besagter Radiosendung, dass wir Langeweile nicht mehr aushalten können. Und das sei schlecht, denn erst wenn wir uns langweilen, fangen wir an zu entspannen. Und es kommt noch härter: wirkliche Kreativität entstehe oft erst nach einer gewissen Zeit der Langeweile. Wow! Kein Wunder wir brennen alle aus.

Für mich war das fast eine kleine Erleuchtung. Um ehrlich zu sein, kann ich mich kaum erinnern, wann ich mich zuletzt gelangweilt habe: Ich fahre mit der Bahn in die Arbeit – natürlich lese ich dabei ein Buch, um die Zeit zu nutzen, ihr versteht – und manchmal beobachte ich dabei meine Mitmenschen: bestimmt zwei Drittel haben ein Handy in der Hand. Natürlich weiß ich nicht, wie viele darauf ein Buch oder die Nachrichten studieren, aber viele sind wahrscheinlich auf Facebook unterwegs oder checken schnell mal ihre E-Mails. Um ehrlich zu sein, kann ich mich zumindest letzterem nicht immer entziehen. Zu verlockend, schon wieder nebenbei was erledigt zu haben.

Aber was macht das eigentlich mit mir? Es bedeutet, dass ich oft nicht »im Hier und Jetzt bin«, dabei bringe ich das gerne meinen Patienten bei. Und diese Philosophie ist natürlich uralt. Wer meditiert weiß das. Achtsam im Moment sein. Das ist auch der neue Therapietrend. Doch durch das Spielen mit dem Handy sind wir meist wo anders unterwegs. Einmal saßen mir in der Bahn zwei junge Mädchen gegenüber, doch anstatt die Zeit miteinander zu geniessen, haben beide mir ihren Telefonen gespielt. Und ich will das gar nicht per se verteufeln, ich glaube nur, dass es lohnt, das richtige Maß zu finden. Als Ärztin kann ich das Rauchen natürlich überhaupt gar nicht und unter keinen Umständen empfehlen. Es verursacht Lungenkrebs und stinkt. Aber wenn man diesen altmodischen Lückenfüller mit dem Modernen des Handys vergleicht, gibt es doch einen ganz gravierenden Unterschied: Beim Rauchen stand ich wenigstens immer noch tatsächlich im Regen an der Bushaltestelle und habe mich nicht aus meinem Leben ausgeklinkt.

Also was ist nun meine Konsequenz aus all dem? Da wir ja leider erst in einem Jahr auf lange Reise gehen, aber sich 2015 zum Ende neigt, wird es schon Zeit für erste Vorsätze: Ich werde ich mich nun also in meinem Alltag wieder um mehr Langeweile bemühen. Klingt komisch, ist aber so. Ich werde der Langeweile mehr Raum geben und anstatt sie zu füllen, werde ich versuchen, mich zu freuen, wenn ich sie bemerke.

In diesem Sinne »Keep calm and rover on«.

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