Entrümpeln – weniger ist mehr

Entrümpeln – weniger ist mehr

Aktualisiert am 20. November 2016 um 11:40

Wir haben eine neue Leidenschaft, die da heißt »Entrümpeln«. Hat fast schon Suchtcharakter, ist dabei völlig nebenwirkungsfrei und der lästige Kater bleibt aus. Herrlich!

So etwa vor einem halben Jahr haben wir begonnen, allmählich auszumisten, weil unsere Wohnung untervermietet werden soll, während wir uns in Afrika rumtreiben. Es fing ganz harmlos an, mit den ersten Büchern und Klamotten. Und mit jedem Teil, das rausflog, fühlten wir uns leichter. So fragen wir uns nun bei jedem Trum, brauchen wir das wirklich noch? Die Antwort ist fast immer »Nö, eigentlich nicht.« oder »Habe ich in den letzten zwei Jahren ohnehin nicht mehr in der Hand gehabt«. Und je mehr man aussortiert, desto mehr merkt man, wie wenig man an dem restlichen Krempel hängt und lernt die Dinge, die einem wirklich am Herzen liegen wieder zu schätzen.

Ich habe darüber schon in anderen Blogs gelesen, gerade auch von Langzeitreisenden, die sogar noch den Inhalt ihres Rucksacks weiter verkleinern. Und nun verstehe ich das Phänomen: je weniger man hat, desto weniger braucht man. Fast kommt es mir so vor, als krabbeln wir aus einer Falle raus. Man tappt einfach so hinein, klammheimlich, still und leise. Da verdient man nach dem Studium sein eigenes Geld und genießt es, endlich mal ohne Nachzudenken, schöne Dinge kaufen zu können. Macht ja auch kurzfristig glücklich. Das will ich gar nicht abstreiten. Man rutscht in den Alltag, arbeitet viel, gönnt sich kompensatorisch immer mehr. Und ehe man es sich versieht, steht die Wohnung voller Plunder.

Raus aus der Konsumfalle

Rückblickend kommt es mir befremdlich vor, dass wir, als der Kleiderschrank voller und voller wurde, eben mehr Bügel gekauft haben, anstatt auszumisten. Und dann kommt irgendwann die Angst dazu. Die Angst, das alles wieder zu verlieren. Was macht man nur, wenn man seine Stelle verliert, wer zahlt dann noch die Miete? Und schwuppsdiewupps ist man gefangen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es den Leuten geht, die sich bis über beide Ohren verschulden, um ein Haus zu bauen… Doch diese Angst verkrümelt sich, wenn man nichts mehr zu verlieren hat.

Ich will das nicht per se verteufeln, denn es war schön, so lange es gedauert hat. Aber jetzt ist etwas anderes dran: die Reduktion auf’s Wesentliche. Man kann dabei sogar noch ein paar Groschen für die Reise dazu verdienen, Dinge verschenken und anderen eine Freude machen oder einfach Manches in den Müll hauen. Beide bemerken wir auch den Impuls, unsere Wohnung am liebsten ganz aufzugeben und nur noch zwei Kisten unterzustellen. Doch hier wird wohl die Vernunft siegen. Jeder, der schon mal in München eine Wohnung gesucht hat, wird das verstehen…

Passenderweise wurde ich noch gewissermaßen zwangsentrümpelt: mein Handy wurde gehackt! Tatsächlich. Ich habe nur eine unbekannte Nummer zurückrufen wollen, angewählt, da erschien ein merkwürdiger Name und ich habe sofort wieder aufgelegt. Doch zu spät. Am nächsten Tag waren alle meine Kontakte futsch. Zunächst war der Frust natürlich groß, nun finde ich es spannend, mich auf wenige dafür wesentliche Kontakte zu beschränken. Schade vielleicht um alte Freunde, die man nun nicht mal mehr theoretisch erreichen kann. Aber wenn man in den letzten zehn Jahren nicht gesprochen hat, dann greift man wahrscheinlich nie mehr zum Hörer. Auch das ist durchaus befreiend, weil alles eben seine Zeit hat. Alles ist in Bewegung und das, so scheint mir, ist auch gut so, wenn man aufhört, krampfhaft an Dingen festzuhalten, sondern sich erfreut, an dem was grade ist. Während es ist.

6 Comments

  1. Zwangsentrümpelt zu werden, ist natürlich nicht so schön. Aber grundsätzlich kann ich Dir nur zustimmen. Wir leben jetzt seit ein paar Monaten nur noch dem dem Zeug, das wir auch mit auf die Reise nehmen. Und es fühlt sich richtig, richtig, richtig gut an!

    • Ich schätze die Zwangsentrümpelung fällt unter die Kategorie: manchmal weiß das Universum besser, was für einen gut ist, als man selbst. Also alles halb so wild. Und so ist immerhin viel mehr Platz für neue Kontakte…

  2. Macht euch leicht. Und für den Fernsprechapparat: Werft den Anrufbeantworter an. Und ruft nur zurück, wenn ihr wirklich Lust dazu habt.

  3. Ich stecke auch gerade in dem Prozess der Entrümpelung und kann somit viele Gedanken nachvollziehen. Als ich angefangen habe mein Hab und Gut zu betrachten, habe ich erst richtig festgestellt, wieviel unnützes Zeug ich doch eigentlich habe. Klamotten, in die ich bereits seit Jahren nicht mehr hineinpasse. Bücher, dieich nie gelesen habe und auch nie lesen werden. Usw. Es ist befreiend sich davon zu lösen, auch wenn es meines Erachtens nach ein Prozess ist. Ab und an treffe ich auf einige Stücke, die ich im Moment einfach nicht verkaufen kann, weil die Bindung daran (noch) zu groß ist. Also lege ich sie für den Augenblick zurück und krame sie Wochen oder Monate später noch einmal heraus, um dann in mich hinein zu horchen, wie ich mittlerweile dazu stehe. Eine spannende Angelegenheit sich aufs Wichtigste zu reduzieren. Und gerade solche Reisen für einen doch vor Augen, was man wirklich nur benötigt.

    • Hallo Bine, schön von Dir zu lesen. Es ist spannend zu beobachten, wie man sich verändert. Für mich war es ganz schockierend, dass ich gar nicht wirklich gemerkt habe, wie sich der ganze „Kram“ angesammelt hatte. Je mehr wir ausmisten, desto mehr entdecke ich Dinge wieder, die ich unter all dem „Ballast“ schon vergessen hatte.

      Lieben Gruß
      Steffi

  4. Pingback: Spendet für Ärzte ohne Grenzen und gewinnt ein Afrika-Bild

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