Was wir von Afrika lernen können: 7 Lektionen

Was wir von Afrika lernen können: 7 Lektionen

Wir haben ein Jahr auf Reisen in Afrika verbracht; dem “schwarzen Kontinent”, der so gerne mit Krisen, Krieg, Hunger und Elend in Verbindung gebracht wird. Doch es gibt auch eine andere Seite voller Kreativität, Hilfsbereitschaft, Mut und Lebenslust. Und so Vieles was wir von Afrika lernen können. 

Der Kulturschock war zumindest für mich zu Beginn unserer Reise groß. Doch nun wo wir wieder zurück in Deutschland sind, merken wir jeden Tag mehr, wie sehr wir uns verändert haben. Wie distanziert wir auf das einst Vertraute blicken und versuchen, uns ein Stück der afrikanischen Lebendigkeit im Alltag zu bewahren.

Lektion 1: Weniger ist mehr

Afrika bringt einen rasch auf den Boden der Tatsachen zurück. Hier geht es nicht um Konsum, Leistung und Erfolg. Hier geht es für Viele ums Überleben. Man ist umgeben von Menschen, die Trinkwasser oder Feuerholz kilometerweit schleppen, um ihre Familie zu ernähren. 75 % der tansanischen Bevölkerung leben von weniger als 1,25 $ am Tag, sagt die Statistik.

Und wir haben ein Jahr in unserem Land Rover Defender, der blauen Elise, gewohnt. Alles was wir zum Leben brauchten war auf nicht mal 3 Quadratmeter verteilt. Zurück in unserer Münchner Wohnung waren wir am Anfang direkt verstört, was wir alles aus unseren eingelagerten Umzugskartons gezogen haben. Dabei hatten wir schon ein Jahr Entrümpelung hinter uns. Nun wird weiter ausgemistet, denn noch nie zuvor habe ich so intensiv gespürt wie wenig Glück in all dem Materiellen steckt.

Versteht mich nicht falsch. Ich bin ohne Frage dankbar für meine Möglichkeiten – vor allem die unserer Auszeit. Aber hier in Deutschland bekommt man oft vermittelt, dass man nur glücklich sein kann, wenn man das schnellste Auto, das größte Haus oder das neueste Handy besitzt. Und München ist natürlich extra hipp. Hier kann man handgemachten Käse aus Nepal zum links rum gekelterten Wein aus Uruguay mit Trüffelschokolade aus der Schweiz essen.

Und doch war nichts so lecker wie mein Hühnchen direkt vom Feuer.

Lektion 2: Nichts ist planbar

Auf Reisen steht man jeden Tag vor neuen Herausforderungen. Man weiß nicht, was der Tag bringen wird. Dabei haben wir in Deutschland eigentlich gerne einen Zehnjahresplan. Entsprechend schwer ist es mir gefallen, Kontrolle abzugeben. Und mich auf das Abenteuer einzulassen. Aber es hilft nichts, denn schnell lernt man: Auf so einer Reise ist nichts planbar.

Da brennt eine Streifensicherung durch, die wir nicht als Reserve dabei hatten – weil wir, um ehrlich zu sein, vor dieser Reise nichts von der Existenz einer Solchen wussten. Oder die Schrauben des untersten Scharniers unserer Hecktür rütteln sich los. Natürlich die untersten und damit die einzigen die in der Karosserie des Hard Tops verbaut sind. Rankommen einfach so? Fehlanzeige.

Und was macht man? Man findet erstens Hilfe. Und zweitens gemeinsam eine Lösung. Die Kreativität in Afrika ist ansteckend. Jeder hat eine Idee. Und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln wird irgendwas zusammen gebaut. Geht nicht, gibts nicht. Das entspricht nicht immer unseren europäischen Standards, haben wir viele Lodgebesitzer jammern hören. Aber wer sagt schon, dass einzelne Treppenstufen alle dieselbe Höhe haben müssen. Rauf kommt man ja trotzdem.

Und je häufiger man diese Erfahrung macht, desto mehr erkennt man:

Lektion 3: Jedes Problem ist lösbar

In der Serengeti habe ich unseren Autoschlüssel in Elise eingesperrt. Noch während ich die Beifahrertür mit gedrücktem Knöpfchen zuwerfe, sehe ich ihn liegen. Den Schlüssel auf dem Autositz. Nervig? Ohne Frage. So überflüssig wie ein Kropf? Auf jeden Fall. Und trotzdem war das der Punkt auf unserer Reise an dem ich zum aller ersten Mal wusste:  “Jedes Problem ist lösbar”. Natürlich hatte ich keine Ahnung wie. Aber zum ersten Mal hatte ich keine Zweifel, dass wir die Tür wieder aufbekommen werden. Und so war es auch. Jetzt können Steffi und ich Autos knacken. Aber wie verrate ich nicht.

Seit diesem Tag verschwende ich meine Zeit nicht mehr mit überflüssigem Kopfkino. Früher habe ich mir stundenlang ausgemalt was alles sein könnte, wenn…. Doch ein Guide hat mal zu mir gesagt: “Solve the problem when it comes.” Löse das Problem, wenn es da ist. Und das mache ich seit der Serengeti, denn ich habe Lektion 4 gelernt.

Lektion 4: Vertraue in Deine Fähigkeiten

Mit jeder Aufgabe, die wir in Afrika bewältigt haben, wuchs mein Selbstvertrauen. Dabei hilft, dass man sich unterwegs nicht verstecken kann. Hier kann man niemanden anrufen oder den “Fachmann” um Rat fragen. Hier muss man selbst die Lösung finden. Früher habe ich recherchiert und mich dumm und dusselig gefragt. Hinterher war ich meist auch nicht schlauer. Eher verwirrter. Wer in Internetforen unterwegs ist, weiß bestimmt, was ich meine. Jetzt probiere ich einfach selbst. Denn es löst keiner anderer für mich. Und die Reise muss weitergehen. Und lässt man sich ein auf diesen Fluss dann lernt man…

Lektion 5: Das Leben sorgt für Dich

“The road provides”, so nannte es Hetty, eine Reisebekanntschaft aus Neuseeland. Und es stimmt. Man trifft immer zur rechten Zeit, die richtigen Menschen. Ob das ein brasilianischer Ingenieur ist, der mit uns und einem malawischen Schweißer einen Dachgepäckträger baut. Oder ein deutscher Entwicklungshelfer, der in Ruanda arbeitet und von seinem Besuch aus Deutschland die bereits erwähnten Streifensicherungen für uns mitbringen lässt.

Hier bei uns stehen wir diesem “Fluss des Lebens” mit unseren Plänen gerne im Weg. Wenn ich mit gesenktem Blick und Knopf im Ohr in die Arbeit renne, verpasse ich so viele nette Begegnung. Und wahrscheinlich auch Chancen. Dabei ist eigentlich alles gut, wenn man das Leben einfach laufen lässt.

Auch wenn es kurz sein kann.

Lektion 6: Der Tod ist allgegenwärtig

In Afrika ist der Tod allgegenwärtig. Jeden Tag. Für die Armen sowieso. Hier stirbt man an Malaria, AIDS oder schon direkt bei der Geburt. Aber auch die Wohlhabenderen wissen um die Endlichkeit des Lebens. Ein Unfall, ein Überfall, eine Begegnung mit wilden Tieren. Schnell kann Schluss sein. Das ist allen hier bewusst. Und auf merkwürdige Art und Weise sind die Menschen trotzdem nicht so miesepetrig wie wir hier. Sie leben im Hier und Jetzt. Nicht so meditativ esoterisch wie in Indien. Eher pragmatisch – fatalistisch. Da wird lieber heute gefeiert, denn wer weiß, was morgen ist. Alkoholismus ist zugegebener Maßen ein Problem. Aber erst wer dort war, weiß wie wunderbar ein eiskaltes Bier nach einem langen Tag auf staubiger Straße schmeckt.

Durch meine Arbeit als Ärztin war mir der Tod auch vor der Reise nicht fremd und trotzdem fand ich die allgegenwärtige Präsenz zunächst beängstigend. So alleine im Busch, wenn der Elefant um unsere Elise schleicht und man weiß, wenn der jetzt schlecht drauf kommt, hat man keine Chance mehr. Doch mit der Zeit habe ich mich gewöhnt. Und das Unvermeidliche akzeptiert. Es liegt nicht in meiner Hand, ob ich morgen wieder aufwache. Auch wenn wir uns das in Deutschland gerne vormachen, ist es trotzdem nicht so. Und hat man diese Tatsache erst einmal akzeptiert, ist das wahnsinnig befreiend. Nicht resignierend, sondern bereichernd. So wertvoll ist jeder Tag. Den wir so gerne mit Meckern verbringen.

Das klingt natürlich wie ein Klischee aber die Lebensfreude vieler Menschen, die wir in Afrika kennen gelernt haben, war wirklich beeindruckend. Statt zu jammern wird einfach das Beste aus den Umständen gemacht. Davon könnten wir uns ruhig eine Scheibe abschneiden. Finde ich.

Lektion 7: Ich mache was ich will!

Ich jedenfalls freue mich über jeden einzelnen Tag. Zumindest versuche ich es. Und fürchte mich viel weniger. Ich lebe mein Leben endlich so, wie ich das für richtig halte, muss nicht mehr allen gefallen. Und das ist SENSATIONELL.

Außerdem ist nach der Reise ist vor der Reise…

 

6 Comments

  1. Axel Cordes

    Perfekt – sehr gut geschrieben !
    Danke für den Beitrag !
    Schöne Grüße aus Wien
    Axel

  2. Hallo ihr beiden,

    wir haben uns letztes Jahr in Stellenbosch getroffen. Da standen wir noch ziemlich am Anfang unserer Reise.
    Inzwischen haben wir zweimal den Äquator überquert und befinden uns auf dem “Rückweg“ nach Walvis Bay.
    Wir können uns euren 7 Lektionen nur anschließen! Ganz toll geschrieben und sooo wahr! Großes Lob dafür!

    Viele Grüße aus dem kalten Lusaka
    Sarah, Tim und Elisabeth

    • Stefanie

      Hallo Ihr Drei,
      vielen Dank für das liebe Lob. Ihr seid die Ludwigshafener mit der Pickup-Kabine, richtig? :-) Schön, von Euch zu lesen, und dass Ihr eine schöne Zeit auf dem schönsten Kontinent der Welt hattet. Wir vermissen es jeden Tag sehnsüchtig.

      Ihr wolltet ja um die Welt, richtig? Nach Norden ging es nicht weiter? Bin gespannt, wo es für Euch als nächstes hingeht.

      Lieben Gruß
      Birgit & Steffi

  3. Richard Spitz

    Liebe Steffi,
    Wir haben uns heute beruflich nach über 10 Jahren wieder getroffen und nach Deinem Hinweis hab ich auf Giraffe 13 „geschmökert „ und schwupp war über eine Stunde rum.
    Tolle Site mit faszinierenden Storys. Die 7 Lektionen nehm ich mir zu Herzen.
    Es war mir eine Freude, dich zu treffen.
    Liebe Grüße und mit Fernweh,
    Richy

    • Lieber Richy, was für eine schöne Rückmeldung, lieben Dank dafür. Es war mir ein Fest und ich freu mich das nächste. Lieben Gruß, Steffi

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