Nach der Auszeit: wie sich Abschied und Rückkehr anfühlen

Viele träumen davon, eine Auszeit vom Job zu nehmen. Wir haben den Sprung gewagt und ein phantastisches Jahr in Afrika verbracht. Die Rückkehr traf uns umso härter. Vom Abschied nehmen und Heimkommen – eine persönliche Betrachtung.

Das schwierigste an unserem Jahr Auszeit war der erste Schritt. Klischeehaft, aber wahr. In dem Moment, als wir im März 2016 unseren Flug nach Kapstadt gebucht hatten, ging alles wie von selbst. Wir waren nicht mehr aufzuhalten. Unsere blaue Elise, unser Land Rover, war ausgerüstet. Die Stellen waren gekündigt. Noch etwas lästiger Papierkram und wir waren frei. Ohne Verpflichtung, ohne Termine, ohne Zeitdruck.

An unserem ersten Morgen in Kapstadt weckte mich Vogelgezwitscher. Nicht das vertraute städtische Taubengegurre. Mindestens zehn verschiedene exotische Gesänge, meinte ich unterscheiden zu können. Sonnenaufgang in Afrika ist eine Ouvertüre mit vollständiger Orchesterbesetzung. Der enge Brustkorb weitete sich. So tief und frei hatte ich seit Jahren nicht geatmet.

351 Tage lang sind wir durch 10 Länder des südlichen und östlichen Afrika gefahren. Die Erlebnisse auf unserer Reise haben uns für immer verändert: die Begegnungen mit wunderbaren Menschen, die Freunde wurden, die vielen Kulturen und Lebensweisen, die unbezähmbare Natur.

Der Abschied

Abschiede fallen mir nicht schwer, so unsensibel es klingt. Mit 16 Jahren war ich das erste mal ein Jahr von Familie und Freunden getrennt. Ich habe ein Schuljahr in Kanada verbracht. Sobald ich im Flieger sitze, blicke ich nicht zurück.

Am Schlimmsten ist für mich das Gefühl, meine Mutter im Stich zu lassen. Sonst hält mich wenig. Zu groß ist die Sehnsucht nach fremden Ländern, neuen Eindrücken, Freiheit. Ein Jahr frei, ein Jahr reisen. Keine Verpflichtungen, keine Termine, kein Zeitdruck, völlig selbst bestimmt leben. Jeder Tag gehört zu 100 Prozent einem selbst, kein Moment ist verschwendet.

Paradoxerweise gab es trotzdem Momente in denen wir uns weniger frei gefühlt haben. Zum Beispiel, wenn wir in Ländern unterwegs waren in denen die Liebe zwischen Frauen mit dem Tode bestraft wird, die komplizierten Einreisebestimmungen unsere Pläne durchkreuzen oder uns der Landweg Richtung Europa versperrt ist. Im Nachhinein alles nur Kleinigkeiten. Wir haben soviel mehr gelernt und in unseren Herzen mitgenommen.

Was wir vermisst haben

  1. Brot (schreibt jeder Deutsche :-))
  2. Butterbrezn
  3. Kohlrabi
  4. Wasserdruck
  5. Im Dunkeln durch Städte laufen

Die Rückkehr

Uns ging es schlecht. Vor allem mir. In der ersten Woche betäubten wir den Schmerz mit Butterbrezn, Marillenknödeln und innigen Wiedersehen mit Familie und Freunden. Die Brezn wurden trocken, wir buken sie auf, verarbeiteten sie zu Breznknödel. Mit dem letzten Knödel, sinkt die Stimmung.

In Afrika sprudelten Ideen. Selbstständigkeit, neue Abenteuer, ein Buch. Mit jedem Tag in München wird es nebliger in meinem Kopf.

Euphorisch warte ich vor dem Arbeitsamt, mit Businessplan und Motivation in meinem Schritt. Eine halbe Stunde später, schlurfe ich geknickt in den Schneeregen hinaus. Ich suche Trost auf dem alten südlichen Friedhof. Dem einzigen Ort, an dem ich zum ersten Mal nach zwei Wochen Vogelgezwitscher höre und Tiere beobachten kann. Zwei Eichhörnchen, die sich die Bäume rauf und runter jagen. Das Knirschen der Kiesel unter meinen Schuhen beruhigt mich.

Ich fühle mich wie tot in dieser leblosen Betonwüste. Im November nach Deutschland zurückzukehren ist keine gute Idee. Bis April war es nur grau. Überall. Grauer Himmel, graue Häuser, graue Menschen, grauer Betonboden. Kein Sonnenstrahl kämpft sich durch die erbarmungslose Wolkendecke.

Nach der Auszeit: Alles ist grau

Wir fühlen uns fremd

Die Menschen sind uns fremd. Alles eilt und hetzt, regt sich über Dinge auf, die wir nicht mehr verstehen. Fragen stellt eigentlich kaum jemand. Wir fühlen uns unverstanden. Und können mit niemandem darüber reden. Außer mit anderen Reisenden.

Es kostet uns beide Überwindung die wenigen Kisten, die wir untergestellt hatten, auszupacken. Vor der Reise hatten wir radikal ausgemistet. Dachten wir. Ein kurzer Blick in die Kartons und Birgit und ich zucken mit den Schultern. So viel Plunder, sinnloser Konsum. Wir kriegen keine Luft. Entrümpeln weiter. Alles was wir wirklich brauchen, passt in unseren Landy.

Wir haben das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. Andere Realitäten und Lebenswelten, die so gar nicht zu dieser hoch-industrialisierten Scheinwelt passen, haben uns verändert. Irgendwie sind wir raus geplumpst. Und eigentlich wollen wir hier auch gar nicht mehr dazugehören. Ich habe Angst, dass mich dieses System aus Angst und Konsum ein zweites Mal nicht aus seinen Klauen lässt. Als ich das erste Mal wieder ein Sakko für einen Kundentermin anzog, bekomme ich kaum Luft. Innerlich wehrt sich alles in mir, wieder zu meinem alten Leben zurückzukehren.

Ein Jahr später

An dem Tag, als wir genau ein Jahr wieder zurück in München waren, durften wir unseren Reisevortrag zum zweiten Mal für die Lesbenkulturtage 2018 präsentieren. Wir hätten nie gedacht, dass wir in das Vortragsgeschäft einsteigen wollen. Uns zieht es nicht auf die Bühne. Uns sprach die Idee an, vor einer Zielgruppe zu sprechen, die auch die andere Seite unserer Reise versteht.

Den Andrang, den wir verursachen würden, hätten wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können: die Frauen standen Schlange, die Hälfte musste wegen Platzmangel leider draußen bleiben. Die Rückmeldungen, das Interesse, die Begeisterung die uns entgegen schlug, weckte mich aus meiner Depression. Ja, vielleicht muss ich es so nennen.

Ich kann mich jetzt endlich wieder über unser Erlebnisse freuen und nicht mehr nur wehmütig zurückblicken und Vergangenes betrauern. Ich kann endlich wieder dankbar sein für die wundervollen Tage, die ich frei durch Afrika fahren durfte. Das hat ein Jahr gedauert. Angekommen bin ich noch immer nicht, aber es kann weitergehen.

9 Kommentare

  1. Moin Steffi!
    Obwohl wir es bis jetzt immer noch nicht geschafft haben, länger als fünf Wochen am Stück wegzukommen und noch den riesigen Vorteil genießen, so ziemlich auf dem Land zu leben. kenne ich dieses Gefühl – und kann mir vorstellen, wie es erst nach einer langen Reise sein muss. Früher war eine Reise einfach nur Urlaub für mich, ohne je tatsächlich die Perspektive auf Alles zu verschieben. Das ist seit einigen Jahren anders. Wenn wir heimkehren, ist die Frage des Sinns all dieses Treibens hier in der ach so zivilisierten Welt jedes Mal lauter und drängender. Die ganz persönliche “Wiedereingliederung” in die hiesige Realität dauert bei uns bei jeder Rückkehr länger. Ich wünsch’ Euch Energie und Elan. Und dass die moderne Realität Euch nicht re-assimiliert.

  2. Liebe Mädels, ihr schafft das schon! Vielleicht ist München ja nur eine erneute Zwischenstation ?!? Schöne Weihnachten 🎄

  3. Ihr zwei Lieben!
    Ich drücke euch und freue mich auf neue gemeinsame Projekte und viele weitere Reiseberichte von euch.
    Denn: Nach der Reise ist vor der Reise, oder? ;-)

  4. Der Bericht ist so schön geschrieben und ihr sprecht mir aus der Seele. Der Wunsch, in die Welt zu reisen und selbstbestimmte Tage zu erleben hört wohl nie auf.
    Wenn euch die Decke zu sehr auf den Kopf fällt, seid ihr jederzeit willkommen! Nur Vögel 🐦 hören wir leider auch keine zwitschern…
    Liebe Grüße Tanja

  5. Du hast dieses Gefühl des nicht wieder dort Ankommens, wo man losgefahren ist, wunderbar beschrieben.
    Man passt nicht mehr rein. Und die zuhause gebliebenen können nicht wirklich nachvollziehen, welche Veränderungen passiert sind. Uns ging es ähnlich, wenn auch nicht so krass. Wir haben aber auch nicht versucht, an die gleiche Stelle zurück zu kommen. Das war einfacher, weil eine neue Umgebung nicht erwartet, dass wir ins alte Raster zurückfallen.
    Ich wünsch euch alles Gute, die nächste Auszeit kommt bestimmt.

  6. Ihr Lieben, danke für Eure phantastischen Antworten. Wir sind wirklich dankbar, dass wir so wundervolle Leser haben 😍.

  7. Hallo Steffi
    Das liest sich drastisch, aber ich vermute mal, ihr werdet das als Chance begreifen können, euer Leben tiefgreifend zu hinterfragen und dann eben doch herauszufinden, wie ihr es in Zukunft leben wollt. Das mag schmerzhaft sein und da mögen noch einige Umwege und Wirren dazwischen liegen. Aber die meisten von uns sehen nicht mal die Chance es zu tun.
    Das wird schon werden, da bin ich zuversichtlich.
    Lieben Gruß
    Stefan

  8. Jan Weijers

    Beste Stefanie.
    Damals haben wir uns getroffen in Namibien. Wunderschöne Zeit , und jetzt erst lese ich das grose Abenteuer. Noch nicht alles habe ich jetzt gelesen aber dass komt balt.
    Es muss ja wirklich eine tolle Zeit gewesen sein. Wir kommen leider noch nicht weiter als 4 wochen Canada /Alaska.
    Viele liebe grusse von Henny und Jan aus Holland

    • Liebe Henny, lieber Jan,

      wie schön, von Euch zu hören…. Wir wollten uns schon lange wieder bei Euch gemeldet haben. Aber wie immer, geht die Zeit so schnell vorbei. Unser Abenteuer war wirklich wunderbar. Davon zehren wir heute noch. Vier Wochen Kanada sind aber auch nicht übel. Wir hoffen sehr, dass es Euch gut geht. Wenn Du Lust hast, schreib doch nochmal ausführlicher an post@giraffe13.de. Dann bleibt es unter uns:)

      Liebe Grüße
      Steffi und Birgit

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